Auto,Motor & Sport 1987

Der Thema 8.32, der in Italien zur Zeit (März 1987) wahrhaftig ein Thema ist, markiert seine Führungsrolle mit liebenswert dezenter Eleganz. Seine Größe ist mit knapp 4,60 Meter keine Frage der Dimension, sein Anzug hat den gleichen Schnitt wie jener der bürgerlichen Thema und Chroma. Es sind mehr die Accessoires, die dem Auge feine Wesensart signalisieren. Rein Äußerlich beschränkt sich die auf zwei Pinselstriche längs und einen Satz Leichtmetallräder, über deren Form ein Hauch von Ferrari liegt. Den Namen Campagnolo tragen die nicht zufällig, denn das ist eine der heiligen Marken Italiens. In einem Land, das ebenso radsportbesessen wie römisch-katholisch ist, hat der Ausstatter aller, die weltmeisterlich oder auch weniger in die Pedale treten, unweigerlich absoluten Stellenwert

Verglichen mit solchen eher subtilen Standesmerkmalen wirkt der Flic-Flac-Spoiler am Heck wie ein Stück aus der Requisitenkammer der Opera Buffa, der komischen Oper. Er verkörpert die selektive Herausforderung an Menschen von Stil und Welt, einen schlichten, spoilerlosen Kofferaumdeckel montieren zu lassen. Verinnerlichte Qualität ist ohnehin das lockende Parfum des Lancia Thema 8.32. Außen gibt es nur die drei durch einen Punkt getrennten Zahlen, eine verschlüsselte Mitteilung, eine Formel mit acht Zylindern und 32 Ventilen, die sich dem wahrhaft Wissenden im Resultat des Zauberworts FERRARI erschließt. Lancia by Ferrari zu lesen, das ist nicht den Gaffern am Wege vergönnt. Dieser Anblick bleibt nur dem werktätigen Menschen, dem Tankwart bei der Ölkontrolle, erlaubt.

Auch hinter seinen Türen ist dieser Lancia kein landläufiger Thema mehr. Hier drängen sich die standesgemäßen Merkmale der automobilen Oberschicht sehr viel entschlossener ins Bild. Wie überall auf der Welt sind die symboltragenden Elemente Leder und Holz, doch deren Ausarbeitung zeigt eindeutig italienisches Stilgefühl. Die represäntativen Materialien gewinnen hier nicht die Oberhand. Sie geben nur dem, was die mechanikverliebten Italiener für wesentlich halten, dem reichen Informationsangebot, durch eine Vielzahl eher kleiner Instrumente einen der Preisklasse angemessenen Rahmen. Tachometer und Drehzahlmesser zeigen auf ihren Skalen gar einen solchen Grad an feinmechanischer Verspieltheit, das die Übersichtlichkeit fast zur Nebensache gerät.

Die Polsterbezüge wollen mit der schmeichelnden Griffigkeit von Wildleder verwöhnen. Aber das Fehlen der entsprechenden Duftnote im Auto macht sie verdächtig, vom Stamme der Plaste und Elaste zu sein, was in der Tat auch die Wahrheit ist. Da Wildleder vortäuschende Material heißt Alcantara. Es ist drum nicht billiger als das Naturprodukt,läßt sich aber mit Bürste, Wasser und Seife reinigen und ist mithin von reproduzierbarer Schönheit. Wer dennoch echtes Leder will, bekommt dies zwar nicht zum gleichen Preis, doch ebenso duftig und glatt wie bei Mercedes. Schließlich ist es vom selben Lieferanten.Wie immer die Sitzgruppe auch bezogen sein mag, der Lancia Thema ist ein angenehmer Aufentshaltsort für vier Reisende, die hier nicht in ferner Distanz zusammen sind, aber auch keinen Anlaß haben, über einen Mangel an Platz zu klagen.

Dafür versteht man es dortzulande mit verführerischer Perfektion, einen Motor zum Gesamtkunstwerk zu erheben. Es ist allein schon ein Genuß, diese Ferrari-Maschine an ihrem Arbeitsplatz zu betrachten. Mit ihrem breiten, verrippten Luftsammler, den mattschwarzen Ventildeckeln über insgesamt vier Nockenwellen und den in liebevoller Ordnung arrangierten roten Zündkabeln. Und wie der mit drei Liter Hubraum eher kleine Achtzylinder nach dem Anlassen Laut gibt, das hatte allemal symphonische Züge. Die Gaswechsel klingen hier mit zunehmender Last und Drehzahl grollend wie beim klassischen V8. Das hängt mit einer inneren Wandlung des Ferrari-Motors zusammen, der im Lancia eine Kurbelwelle mit 90 Grad Kröpfung hat. Die neue Welle reduziert die freien Massenkräfte und macht den Motor "limousiniger".

Dafür aber zünden die zwei mal vier Zylinder im V nicht mehr mit der ursprünglichen Gleichmäßigkeit eins rechts, eins links, sondern auch mal zwei rechts, eins links oder umgekehrt. Und genau das ist die Ursache jenes sympathischen Brabbelns. Die Lancia-Maschine von Ferrari gilt als eine gezähmte Version des kernigeren Aggregats im Ferrari 308. Rund 25 PS sind bei dieser Laufkultur-Revolution abhanden gekommen. Dafür durfte das Drehmoment 25 Newtonmeter zulegen. Jedenfalls stehen die Daten so auf dem  allzeit geduldigen Papier und lassen befürchten, daß ein Rennpferd zum Zugtier verkümmerte. Doch diese traurige Erfahrung läßt sich in der Praxis nicht machen. Die Zahlenkombination 8.32 ergibt nicht mehr und nicht weniger als einen frischen und forschen Sportmotor, der seine höchste Leistung von 215 PS (158 kW) bei 6750/min. entwickelt und mit aller Vehemenz über die 7000 rausdreht.

 

 

Quelle:Pressetext AMS März 1987

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Letzte Aktualisierung {01.11.2011}