MOT 1987

 

Auf den ersten Blick ist allenfalls seine Farbe aufregend. Und auch nur, wenn der Lancia Thema 8.32, um den es sich handelt, in jenem leuchtenden Rot lackiert ist, das bei gewissen  Automobilen aus dem norditalienischen Modena zum Standard-Anstrich gehört. Doch schon der zweite Blick zieht die Augenbrauen in Richtung Hutkrempe: Hinter dem lederbezogenen Lenkrad blinken acht Rundinstrumente, eingebettet in einer kostbaren Wurzelholz-Tafel, gesäumt von duftendem Leder, das sich bis auf die Seitenverkleidungen ausdehnt und Handbremse, Schalthebel und auch die üppigen Sessel umspannt.

Da greift die Hand  ganz automatisch zu dem  kleinen Hebel neben der Lenksäule, der die Motorhaube entriegelt. Denn wenn überhaupt, dann kann nur hier die Antwort auf alle sich jetzt stellenden Fragen verborgen liegen. Und da liegt sie auch schon, der enge Motorraum quillt förmlich über davon: ein quer eingebauter Achtzylinder mit einem gewaltigen Luftsammelkasten aus Leichtmetall, auf dem drei schwerwiegende Worte stehen: Lancia by Ferrari.

Da dämmert's, was die geheimnisvolle Zahlenkombination hinter den Thema-Schriftzügen an Bug, Heck und den Seiten der italienischen Limousine bedeutet hat: 8.32 nennt die Zahl der Zylinder und die der Ventile. Ein V8-Ferrari-Motor also. Ganz aus Leichtmetall, mit vier obenliegenden Nockenwellen, einer mechanisch/elektronischen Kraftstoffeinspritzung und vier Ventilen pro Zylinder. In seinem Hubraum rotten sich 215 PS zusammen. Er stammt aus dem ehemaligen Ferrari 308 GTBi mit der herrlichen Zusatzbezeichnung Quattrovalvole, wurde aber zugunsten des Drehmoments in der Nennleistung um 25 PS reduziert.

In dem flachen Mittelmotor-Sportwagen gebärdete sich der V8 wie ein kreischendes Ungeheuer, das eine Armee von Drachentötern in die Enge getrieben hat. Ganz anders benimmt er sich im Lancia Thema 8.32. Eine Streicheleinheit für das Gaspedal, und der Drehzahlmesser schnickt nach oben wie ein Grashüpfer angesichts eines Buschfeuers.

Wie ganz weit weg, leise und unaufdringlich, ertönt dabei das typische Ferrari-Heulen-gerade so laut, wie es etwa fünf Kilometer vor Fiorano, wo sich die Ferrari-Formel 1-Renner auf der hauseigenen Teststrecke tummeln, zu hören ist. Herrlich sanft rutscht der erste Gang rein, weich rückt die Kupplung, und mit kaum mehr als mit Leerlaufdrehzahl setzt sich der feuerrote Thema in Bewegung.

Man kann es gar nicht abwarten, die ungeheure Drehwilligkeit des Ferrari-Motor erproben zu können, und ertappt sich an jeder Ampel beim Spiel mit dem Gaspedal. Zwischendurch die bange Frage:"Wie wird der Fronttriebler mit der ungeheuren Leistung fertig?"

Eine Stunde später ist alles geklärt: Der Thema-Ferrari ist zwar in der Lage, mit den Vorderrädern 30 Meter lange Striche auf den Asphalt zu ziehen, doch die Antriebskräfte reißen bei Kurvenfahrt nicht am Lenkrad, geschweige denn das Auto zum Kurvenaußenrand. Im Gegenteil: wie bei einem Hecktriebler lauert man ständig darauf, daß es irgendwann langsam mit der Hinterhand herumkommt. Es kommt aber nicht, sondern es folgt dem Lenkeinschlag so willig wie ein Mittelmotorauto, zeigt Neigung weder zur Kopflastigkeit noch zu Lastwechselreaktionen.

Kein Zweifel: Die Lancia- Fahrwerksingenieure haben hier ein Meisterwerk vollbracht. Dabei wurde die Vorder- und Hinterradführung des Lancia Thema im Prinzip nicht verändert. Die Federbeine bekamen längere Federn und verstärkte Lenker. Stabilisatoren und Stoßdämpfer wurden neu ausgelegt. Freilich wurde auch der Bremsanlage besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Die vorderen innenbelüfteten Scheiben wurden auf 284 mm Durchmesser vergrößert. Die Bremssättel verfügen über besonders große Beläge. Ein auf 9 Zoll vergrößerter Bremskraftverstärker hält die Pedalkraft trotz größerer Belagsflächen niedrig. Dazu kommt ein Bosch-ABS zum Einsatz.

Zum guten Fahrgefühl trägt freilich auch die elektronische Lenkung bei. Es handelt sich dabei um eine Servotronic-Lenkung von ZF, wie sie auch im neuen Siebener-BMW erhältlich ist. Im Vergleich zur herkömmlichen Hydrolenkung wird die Lenkkraftunterstützung hier nicht von der Mototrdrehzahl reguliert, sondern über Tacho-Sensoren von der Geschwindigkeit. Das bedeutet: Im Stand kinderleichtes Rangieren, bie schneller und schnellster Fahrt immer besseres Gefühl für den Geradeauslauf und die Seitenkräfte, die auf die Vorderräder einwirken.

Zwischendurch hat aber auch die ganz große schau stattgefunden, etwa so, als würde der feiner Herr im Frack plötzlich seine Dracula-Zähne zeigen. Wie ein Vampir aus seinem Sarg, so hat sich nämlich aus dem Gepäckraumdeckel langsam ein Spoiler in den Fahrtwind erhoben. Er soll die Richtungsstabilität verbessern. Ursprünglich wollte man, daß er bei etwa 120km/h automatisch ausfährt, darüber den Fahrer entscheiden zu lassen. So kann man das Windleitwerk über den Scheibenwischer-Hebel heben und versenken, wann es gefällt. Die beiden Elektromotoren sitzen unter der Gepäckraumklappe in einem schwarzen Kasten, der das Fassungsvermögen des Thema-Staufachs nur unwesentlich einschränkt.e

 

 

(Quelle: MOT Jan.87)

bar06_solid1x1_black.gif

  Copyright (c) Sept. 2001 Nicole. Alle Rechte vorbehalten

Letzte Aktualisierung {01.11.2011}