Rally Racing 1988

 

Die Luxuslimousinen der jüngsten Generation verwöhnen ihre Passagiere. Mit üppigem Platzangebot und viel PS machen sie langen Touren zum Vergnügen. Neben dem dezent-eleganten 5er wirkt der Thema fast bieder und brav. Eigentlich gar nicht so, wie man sich ein italienisches Auto - und dann noch eins mit einem Ferrari-Motor unter der Haube - vorstellt. Diese Eindrücke setzen sich im Innenraum fort. Der BMW besticht durch klare Linien, übersichtliche Instumente und absolut makellose Verarbeitung. Sein  durchgestyltes Interieur ist so perfekt aufgebaut, daß es schon fast langweilig erscheint. Alle Hebel und Knöpfe liegen da, wo sie hingehören.

Beim Lancia gibt's schon eher was zu meckern. Die kleinen, schlecht ablesbaren Instrumente sind über das ganze Armaturenbrett verteilt. Dazwischen liegen in scheinbar wahlloser Unordnung Druckknöpfe und Kontrolleuchten. Die Platzierung der Hebel für Blinker und Licht ist eine Zumutung. Sie liegen so dicht zusammen, daß man meist beide gleichzeitig in der Hand hält. Allerdings - langweilig wird's im Lancia nie. Es gibt immer etwas Neues zu entdecken. Zur Ehrenrettung des feudalen Italieners muß allerdings gesagt werden, daß der Wohnraum - sprich Fahrgastraum  - durchaus anmacht. Hellbeiges Alcantara und edles Funierholz, wohin das verwöhnte Auge blickt. Breite Mittelarmlehnen und bequeme Sitze laden zu längeren Touren ein. Selbst auf der Rücksitzbank braucht sich niemand einzuschränken.

Der Bayer - in der Grundausstattung offeriert er innen leider nur Stoff und jede Menge Platz. Und lange Reisen sind für 5er-Fahrer erst recht kein Problem. Die Innengeräusche, selbst über 180 km/h, sind im 535i so gering, daß man den Tacho fortwährend im Auge haben sollte, um nicht den Bezug zur bisher bekannten Formel - hohes Außengeräusch gleich hohe Fahrgeschwindigkeit - zu verlieren. Sogar bei Tempo 130 ist noch das Singen der Reifen auf rauhem Asphalt zu hören. Ganz anders dagegen der Lancia. Er läßt seine Insassen teilhaben an den Windgeräuschen, die außerhalb des geschützten Abteils um die wuchtige Karosserie toben. Jenseits von 120 Sachen muß man die Stimme schon ein wenig heben, um auf den hinteren Plätzen einwandfrei verstanden zu werden. Hinzu kommt noch der kernige Motorsound.

Oberhalb von viertausend Umdrehungen brüllen die 215 Ferrari-Pferde lustvoll auf. das Geräusch ist einfach ein Genuß, und es entschädigt leicht für das Getöse an den Seitenfenstern. Auch Fahrer, die sonst eher für leise, geschmeidige Aggregat schwärmen, müssen neidlos anerkennen: Das hat was!

Leider tut sich bei dem von Ferrari gebauten  Leichtmetalltriebwerk mit 32 Ventilen untenherum nicht sehr viel.  

Der vom Ferrari 308 stammende Motor wirkt irgendwie zugeschnürt, ja kastriert. Kein Wunder, mußte er doch für den Einsatz in der Limousine kräftig verändert werden. Eine andere Kurbelwelle, 200 ccm weniger Hubraum und nur 215 statt 270 PS machen sich halt bemerkbar. Außerdem ist der Lancia Thema mit 1400 kg Leergewicht schwerer als der Ferrari. Ebenfalls kein Leichtgewicht ist der BMW. Er wiegt leer noch über 100 kg mehr als sein Rivale aus Italien.

Einstimmigkeit herrschte auch bei schneller Kurvenfahrt . Beide Limousinen, sowohl der Front- als auch der Heckktriebler, schoben über die Vorderräder zum Kurvenaußenrand. Dieses sogenannte Untersteuern dürfte dem Normalfahrer in brenzligen Situationen am meisten helfen, denn auf trockenem Untergrund bremst sich das Fahrzeug selbst über die eingeschlagenen Vorderräder ab. Wer in solch einer Situation allerdings allzu heftig vom Gas geht, muß beim Lancia eher als beim BMW damit rechnen, von seinem Heck überholt zu werden.

Während der Bayer meist ruhig und wie ein Brett auf der Straße liegt, neigt sich die Karosserie des Lancia in engen Kehren extrem zur Seite. Leider läßt auch der geradeauslauf des Italieners sehr zu wünschen übrig. Selbst ohne Spurrillen oder Seitenwind darf der Fahrer die feinfühlige Servolenkung kaum berühren. Mehrmalige Versuche mit dem per Drehknopf ausfahrbaren Heckspoiler brachten auch jenseits von 220 km/h keinen nennenswerten Stabilitätsgewinn.

Der Lancia, in der Grundabstimmung weicher als sein Konkurrent, verkraftet die kurzen Stöße wesentlich schlechter. Gegen 2200 Mark Mehrkosten bieten die Italiener ein elektronisch geregeltes Fahrwerk mit zwei wählbaren Abstimmungen an. Über Tasten im Armaturenbrett läßt sich dann auch eine sportliche Einstellung von Federung und Dämpfung programmieren. Was gehört sonst noch zu einem perfekten Reisewagen? Eine Türzentralverriegelung, elektrisch betätigte Fensterheber, ABS und Servolenkung natürlich, in unseren zwei Testwagen alles serienmäßig enthalten.

Der Lancia geht sogar noch etwas weiter: Seine Vordersitze sind elektrisch verstellbar und beheizbar. Außerdem gehören die Alcantara-Innenausstattung, Leichtmetallräder sowie die Klimaanlage ebenfalls zur Serie.

Soviel Luxus hat seinen Preis. 72600 Mark kostet der Lancia Thema 8.32 im Laden. Der BMW, allerdings mit anderen Leichtmetallrädern ausgestattet als unser Testwagen, ist für nur 62000 Mark zu haben.

Damit ist die Qual der Wahl eigentlich recht klein. Freilich: Für Leute, die schon alles gefahren haben und die Wert auf Exclusivität legen, ist der in nur geringer Stückzahl verkaufte Lancia wohl ein Thema. Der gestreßte Vielfahrer, der am Wochenende auch seine Familie transportiern muß, sollte jedoch lieber zum BMW greifen.

 

 

(Quelle:Pressetext Rally Racing 1988)

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Letzte Aktualisierung {01.02.2009}