Sport Auto 1987

ZUM THEMA FERRARI

Ferrari-Fahren wird fast schon volkstümlich. Ein exclusiver Lancia Thema mit dem V8 aus dem Ferrari 328 GTB macht's möglich. Doch auch im Lancia bleibt ein Ferrari ein Ferrari.

Dem  Adel war schon immer ein etwas elitäres Paarungsritual zu eigen: Man bleibt gerne unter Seinesgleichen. Im Gegensatz zu Ergebnissen menschlicher Bemühungen in dieser Hinsicht führt dieser Brauch bei noblen Automobilen zu ungemein reizvollen Ergebnissen.

Der neue Lancia Thema, der hinter der unscheinbaren Bezeichnung 8.32 einen Ferrari-Motor verbirgt, ist dafür ein schönes Beispiel. Er ist für die Kaste der potenten Luxusautomobile eine Bereicherung, an der Vincenzo Lancia wohl seine helle Freude gehabt hätte. Denn nichts liebte der Firmengründer mehr, als noble Autos von schlichter Form zu bauen, die unter der unscheinbaren Hülle mit unorthodoxen technischen Ideen vollgepackt waren. Dank Ferrari-Power kann der Lancia 8.32 gleich mehrere Superlative für sich verbuchen:

Mit 215 PS für rund 240 km/h Höchstgeschwindigkeit ist er die schnellste und stärkste Limousine mit Vorderradantrieb. Keine andere Serienlimousine hat einen quer eingebauten V8-Motor mit Vierventilköpfen.

Daß sich Lancia diesen Motor bei Ferrari ausborgt, ist nicht sonderlich ehrenrührig, sondern hat in der Geschichte der beiden italienischen Marken Tradition. Vor 31 Jahren übernahm Ferrari von Lancia einen V8 und dazu das ganze Auto. Und mit diesem Lancia-Ferrai D50 wurde Juan Manuel Fangio 1956 Formel1-Weltmeister.

In den siebziger Jahren revanchierte sich Ferrari und überließ Lancia den 2,4-Liter-Dino-V6-Motor, der einst als Nachfolger des Lancia-Formel 1-V8 aus der Taufe gehoben wurde. Und Lancia und Bertone formten um diesen Motor das bis dato ultimative Rallye-Tier, den Stratos, eine notdürftig getarnte Rennmaschine, zu nichts anderem gebaut, als Rallyes zu gewinnen.

Der Thema 8.32 läutet für Lancia ebenfalls ein neues Zeitalter ein: die Rückkehr in den elitären Zirkel der exklusiven europäischen Autos, den Anspruch auf eine Spitzenstellung. Der 8.32 ist somit die Verkörperung des neuen italienischen Selbstbewußtseins, das vom futuristischen Y10 über den Delta 4WD logisch und behutsam gewachsen ist.

Nun war es freilich nicht mit einem einfachen Griff ins Ferrari-Regal getan, um an einen der schönsten V8-Motoren überhaupt zu kommen. Denn der Motor des Ferrari 328 ist nicht so ohne weiteres limousinentauglich. Für die Erklärung bedarf es eines kleinen Ausflugs in die Hohe Schule des V8-Motorenbaus.

Nur ein V8 kann viele Zylinder und viel Hubraum mit der Baulänge eines Reihenvierzylinders und dessen geringerem Platzbedarf kombinieren. Daraus ergeben sich eine kurze, drehzahlfeste Kurbelwelle, ein steifer Motorblock und ein geringeres Gewicht, das sogar noch unter dem vergleichbaren Reihensechszylinder liegt.

Nun hat der V8 aber auch einige prinzipbedingte Nachteile, die vom Konstrukteur die Entscheidung verlangen, ob er nun einen Hochleistungsmotor oder einen komfortablen Antrieb bauen will. Im sportlichen V8 findet sich eine Kurbelwelle mit 180 Grad Hubzapfenversatz. So zünden die Zylinder beider Zylinderbänke abwechselnd und gleichmäßig, die pulsierenden Gassäulen in Ansaug- und Auspuffkrümmern lassen sich optimal auf Höchstleistung abstimmen.

Der berühmteste und erfolgreichste V8 aller Zeiten, der Cosworth-Formel-1-Motor, hat solch eine flache Kurbelwelle. Und er macht auch gleich den größten Nachteil dieser Bauart klar, denn er zermürbt seine Piloten mit nervtötenden Vibrationen.

Da es in Limousinen weniger auf die Spitzenleistung als auf üppiges Drehmoment ankommt, haben sich die Lancia-Ingenieuere besonders innig der Atmungsorgane des hochmodernen Vierventilers angenommen. Sichtbares Zeichen sind die acht langen Ansaugrohre, fein säuberlich im Zylinder-V ineinandergefaltet und von einem Stegegeflecht gestützt, das wieder einmal beweist, daß Motorenbau in Italien immer auch der Ästhetik verpflichtet ist und nicht nur der Zweckmäßigkeit. Schließlich weiß man sich in der Tradition eines Michelangelo und Leonardo da Vinci. Das Flechtwerk aus Ansaugrohren gibt dem Lancia-Ferrari sein unverkennbares Gepräge.

Wer nun glaubt, im Lancia 8.32 einen weichgespülten Ferrari-Motor der sorte kuschelflauschig vorgesetzt zu bekommen, sieht sich auf das angenehmste enttäuscht. Auch mit gebremstem Schaum bleibt das Aggregat ein echter Ferrari, und das ist gut so. Die 215 PS gehören zweifelsohne zu der kräftigsten Sorte und beschleunigen den immerhin 1400kg schweren Thema so nachdrücklich und vehement über die Straßen, daß andere Limousinen dieser Gattung wohl gelinde Zweifel an ihrer Motorisierung aufkommen lassen dürften.

Das ein Ferrari ein Ferrari bleibt, auch mit anders gekröpfter Kurbelwelle, macht der V8 im Lancia schnell deutlich. Er ist ein Sportmotor geblieben, mit einem kräftigen rennsportlichen Einschlag. Bei niedrigen Drehzahlen brummelt er satt und zufrieden wie ein verwöhnter italienischer Säugling, bei mittleren Drehzahlen entwickelt er den allseits geliebten stämmigen US-V8-Beat, um bei hohen Drehzahlen dann in jenen Belcanto zu verfallen, den Liebhaber italienischer Motorenfolklore so sehr schätzen.

Vom Ferrari 328 unterscheidet sich der Lancia 8.32 wie Spaghetti  Tartuffo von einer herzhaften Pizza. Man bettet sich in bequeme Sessel, wahlweise von Alcantara oder Leder überzogen, und umgibt sich mit der Noblesse eines englischen Landsitzes, walnußgetäfeltem Armaturenbrett mit fein separierten kleinen Rundinstrumenten und edlem Leder vom italienischen Topausstatter Frau.

So verströmt der aüßerlich nahezu unveränderte Thema inwendig den Geruch feiner britischer Lebensart. Dazu paßt, daß er optisch nur durch einen geänderten Kühlergrill und den per Drehknopf aus dem Kofferraumdeckel ausfahrbaren Spoiler erkennbar wird. Dieser Gimmik bringt meßtechnisch mehr Antrieb, aber am Lenkrad keinen fühlbaren Fortschritt.

Das ist auch nicht nötig, denn der Lancia ist auch ohne Flügel bei Höchstgeschwindigkeit ein bemerkenswert sicheres und richtungsstabiles Fahrzeug, das sich lediglich von Querfugen etwas irritieren läßt. Und er birgt in sich einen unschätzbaren und geradezu unbezahlbaren Vorteil: Der Lancia 8.32 ist die mit Abstand unauffälligste Art, Ferrari zu fahren.

 

 

(Quelle:Sport auto April 1987)

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Letzte Aktualisierung {01.11.2011}